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Sonntag, 12. Juni 2016

Interview mit Kinky Friedman

Herr Friedman, hierzulande schauen viele Leute zurzeit mit einer Mischung aus Faszination und Ungläubigkeit, was politisch in den USA läuft. 
Kinky Friedman: Ich persönlich will, dass Bernie Sanders gewinnt. Es wäre das erste Mal in der Geschichte, dass eine jüdische Familie an einem Ort einzieht, den gerade eine schwarze verlassen hat. Ich mag auch Donald Trump, aber am Ende ist es wohl, wie es der amerikanische Philosoph George Carlin sagt: Wir haben nur die Illusion einer Wahl. In Wahrheit macht es keinen Unterschied, wer an der Macht ist. Obama ist dafür der schlagende Beweis. 

Das erstaunt doch. Immerhin sind Sie mit dem ehemaligen Präsidenten Bill Clinton befreundet und dessen Frau Hillary will ja auch Präsidentin werden. 
Bill hat mich ein paar Mal ins Weisse Haus eingeladen. Wie George W. Bush später übrigens auch. Ich bin der Einzige, der von sich behaupten kann, dass er bei zwei Präsidenten im Weissen Haus übernachtet hat. Aber Bill ist nicht Hillary. Die zwei sind wie Tag und Nacht. Sie hat keinerlei Glaubwürdigkeit und Integrität mehr. Bernie ist nicht korrupt. Und Trump auch nicht. Hillary würde alle an diesem Tisch töten, wenn sie wüsste, dass wir gegen sie sind. Sie ist völlig blind vor Machtgier. 

Die grosse Überraschung ist Donald Trump. Lange Zeit hat niemand wirklich daran geglaubt, dass er eine ernsthafte Chance hat. 
Es gibt einige gute Seiten an Trump. Jedes Mal, wenn die Demokraten jemanden verteufeln, dann unterstütze ich ihn – egal ob es George W. Bush ist oder Jesus. Aber die meisten von denen sind sowieso keine Demokraten. Die haben keine Ahnung. Sind sie nicht? Wenn Sie denken, dass John Kerry, Harry Reid, Rahm Emanuel und Obama Demokraten sind, haben wir ein anderes Verständnis des Worts. Demokraten sind wie Barbara Jordan oder Ann Richards oder Harry Truman. Leute, die auf der Seite der Bevölkerung stehen und unabhängig denken. Schauen Sie sich nur an, was die Demokraten den Hochschulen und Universitäten angetan haben. Wenn man eine andere Meinung hat, schauen sie darauf, dass du nicht zum Reden kommst und jagen dich aus der Stadt. Trump mag ein Fanatiker und Eiferer sein, aber ich will wissen, was er zu sagen hat. Aber hören wir auf mit Politik, das Thema nervt mich. Ich könnte jetzt einen Whiskey vertragen. 

Immerhin haben Sie auch mehrfach den Einstieg in die Politik versucht. Keine Lust auf «Kinky for President»? 
So wie es momentan in Amerika läuft, wäre es vielleicht gar keine schlechte Idee gewesen, nochmals zu kandidieren. Schauen Sie sich die heutigen Politiker an. Da gibt es keinen Nelson Mandela, keinen Mahatma Gandhi oder Martin Luther King. Das wären gute Kandidaten gewesen. Viele haben vor acht Jahren in Barack Obama einen solchen Hoffnungsträger gesehen. Er war ein sehr guter Kandidat. Aber damit hat es sich auch. Er weiss nicht, wie man Präsident ist und er will es auch gar nicht. Er zählt nur noch die Tage rückwärts, bis er dort weg ist. Goodbye. Aufpassen auf die Finger, wenn du die Türe hinter dir schliesst. 

Wie wird man sich an Obama erinnern? 
Sein Vermächtnis ist, dass er an Nelson Mandelas Beerdigung Selfies machte. Das fasst seine Präsidentschaft ziemlich gut zusammen. Wenn ihr Europäer ihn so gut mögt, dann könnt ihr ihn ja bei euch wählen. Er tanzte Tango, während die Terroristen Brüssel in Schutt und Asche legten. Aber die anderen sind auch nicht besser. Deshalb täuscht ihr Europäer euch, wenn ihr bei Trump alle in Panik ausbrecht. Ja, er ist ein verdammter Reality-TV-Idiot. Aber würde ein solcher Typ nicht sehr gut in die heutige Welt passen? Ich glaube, es wäre perfekt. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zum Schluss: Wir stecken derart tief in der Scheisse, dass wir es dieses Mal vielleicht wirklich nicht mehr raus schaffen. Und wenn sich jetzt alle ­Sorgen machen wegen Trump, dann bedeutet das nur, dass er etwas drauf hat. Sie glauben, er könnte gewinnen? Was weiss ich? Die Leute treffen die ganze Zeit die falschen Entscheidungen. Sie haben Pontius Pilatus dazu überredet, Barabbas freizulassen und Jesus zu kreuzigen. Das war vor 2000 Jahren und viel klüger ist die Menschheit nicht geworden. Also seien Sie kein arrogantes Arschloch, das so tut, als ob es wüsste, woher Bedeutung kommt. Bedeutung kann auch auf einem Esel dahergeritten kommen. Donald Trump mag vielleicht ein ungewöhnliches Beispiel dafür sein, aber er kann gewinnen. 

Warum ist er so populär? 
Als vor vier Jahren Mitt Romney gegen Obama antrat, stempelten ihn die Demokraten als reichen Kerl ab. Am Ende schämte sich Romney sogar, dass an seinem Haus sein Name stand. Trump dagegen kann nicht genug davon kriegen, seinen Namen überall hinzuschreiben – sei es an Hochhäuser oder an Spitäler. Das ist der Unterschied. Es gibt nichts an ihm, dass ich besonders mögen würde abgesehen von seiner Kampagne gegen politische Korrektheit und seiner Weigerung, sich ständig zu entschuldigen. Als ich 2006 für den Gouverneursposten von Texas kandidiert habe, habe ich einen Slogan genutzt, der auch gut zu Trump passen würde: «Denkt daran, es waren die Profis, die die Titanic gebaut haben – und die Amateure die Arche.» 

Wenn ich mich recht erinnere, war der andere Slogan «Why the Hell not Kinky?» (deutsch: Warum zur Hölle nicht Kinky?).
 Und der dritte war «My governor is a Jewish cowboy» (deutsch: Mein Gouverneur ist ein jüdischer Cowboy). Ich bin als Unabhängiger gegen Rick Perry angetreten und habe 13 Prozent geholt. Das sind 700 000 Wähler. Wir hätten überall sonst gewonnen, aber in Texas haben Unabhängige keine Chance. Jeder behauptet zwar, er sei frei und unabhängig, aber bei Wahlen bleibt man streng bei seiner Partei. Wenn man bedenkt, wie sich Texas seine Unabhängigkeit in Schlachten erkämpft hat, sollte man denken, dass in einem solchen Staat unabhängige Menschen und Ideen stärker unterstützt würden. 

Und was mögen Sie an Texas? 
Es ist ein toller Platz zum Leben. Man hat genügend Platz für seine Ellbogen. Viel Leere und nicht 400 Fernsehkanäle voller Mist, um sich zuzudröhnen. Ich hasse diese Auswahl. Wofür brauche ich 59 verschiedene Biere in meiner Kneipe? Ich mag auch die Leute, sie sind nicht überheblich. Ausserdem hat ein bisschen des Cowboy-Spirits bis jetzt überlebt. Sag die Wahrheit und schiess gerade. 

Sie haben während über 30 Jahren keine Platte aufgenommen und kaum Konzerte gespielt. Ich war beschäftigt mit meiner Farm, Politik und Bücher zu schreiben. Was hat Sie zur Musik zurückgebracht? 
Verzweiflung, Ruhelosigkeit, Melancholie, Wut, Weltschmerz. Die gleichen Gefühle, die ich immer kriege, wenn ich Wein trinke. Als Künstler muss man unglücklich sein. Übrigens: Ich lese gerade viel über Winston Churchill. Ich habe eine Vorliebe für missverstandene Genies. Es gibt eine kaum bekannte Geschichte über ihn. Da war so ein Beamter namens … Eddie, Eddie, Eddie … Mist, der Name fällt mir nicht ein. Sie müssen entschuldigen, ich habe eine Krankheit namens EOA. 

Hoffentlich nichts Schlimmes. 
Es steht für Early Onset Asshole (deutsch: früh einsetzendes Arschlochsein). Den Witz habe ich kürzlich in Deutschland auf der Bühne gebracht – Totenstille. Die Deutschen haben einfach keinen Humor. Ein Whiskey würde jetzt helfen. Jetzt fällts mir wieder ein: Eddie Marsh hiess der Typ. Er wurde vom jungen Churchill als persönlicher Sekretär angestellt, kurz nachdem dieser ins Parlament gewählt worden ist. Marsh war deshalb sehr nervös. Denn Churchill galt als schwieriger Typ. Also ging Eddie zu einer Freundin von Churchill, um sich über ihn zu erkundigen. Und die Frau sagte: Wenn Sie Winston zum ersten Mal treffen, sehen Sie alle seine Fehler. Dann, für den Rest Ihres Lebens, entdecken Sie seine Tugenden. Was für eine schöne Aussage. Darauf hätte ich jetzt gerne endlich meinen Whiskey. 
Tischnachbar: Meine Lieblings­geschichte von Churchill ist die, als er einige Zeit im Weissen Haus bei Franklin D. Roosevelt verbrachte. Er wohnte im Familientrakt. Churchill schlief immer nackt. Und da er in seinem Zimmer keine Toilette hatte, musste er jedes Mal den ganzen Gang runterlaufen. Ich stelle mir immer vor, wie dieser kleine, dicke Mann nackt im Weissen Haus rumrennt. 
Friedman: Und dabei die westliche Welt rettete. Was oft vergessen geht, war, dass er bei diesem Besuch Roosevelt überzeugte, zuerst auf Hitler und nicht auf die Japaner loszugehen. Nach Pearl Harbour wäre dies eigentlich der Plan und auch die logische Reaktion gewesen. Doch Churchill überzeugte ihn, dass in ein paar Jahren nicht mehr viel von Europa übrig ist, wenn Roosevelt das tun würde. 

Ihr Vater hat dann selber im Zweiten Weltkrieg gekämpft. 
Er war in Norwich in England stationiert und flog 36 erfolgreiche Einsätze in einer B-24 über Deutschland. Na ja, wenn ich nochmals kandidieren würde, wäre ich auch berühmt: Mein Freund, der Countrysänger Willie Nelson, sagte zu mir, nachdem wir die Wahl verloren hatten: «Wenn man lange genug an etwas scheitert, wird man eine Legende.» 

Sie hatten Nelson für Ihr Kabinett vorgesehen. 
Ich hätte ihn zum Chef der Polizei­einheit der Texas Rangers gemacht. Das Lustige daran: Praktisch jeder, der für Willie arbeitet, sass schon mal im Gefängnis. Lassen Sie mich raten. Drogen? Die meisten. Aber es ist Willie auch wichtig, Menschen eine zweite Chance zu geben, die Schwierigkeiten hatten. Merle Haggard war genau so. Ich habe mal einen seiner Mitarbeiter gefragt, seit wann sie sich kennen. Und er meinte nur: von damals. Als er merkte, dass ich es nicht kapierte, führte er aus: von damals im Gefängnis. Nur das Reisen wird ziemlich umständlich, wenn man mit so vielen Ex-Knackis unterwegs ist. 

Merle Haggard ist kürzlich verstorben. Für viele kam das überraschend. Er hatte erst gerade eine Platte veröffentlicht und noch eine ganze Tour vor sich. 
Er war zuletzt sehr fragil. Aber das wird auch bei Willie so sein. Weitermachen bis irgendwann mal fertig ist. 

Es sind nicht mehr allzu viele von den alten Countrygrössen da. 
Ich kann Ihnen auch sagen, wieso. Wenn man heute an ein Konzert geht, spielen die Jungen zwar erstklassig auf ihren Instrumenten, aber alles ist nur abgekupfert. Man wird nie mehr einen jungen Jimi Hendrix oder eine junge Janis Joplin sehen. Dazu müsste man auch die alten Säcke sehen. Davon gibts nur noch ein paar: Bob Dylan, Willie Nelson, Kris Kristofferson, Billy Joe Shaver. Das sind wahre Grössen. Wo ist jetzt eigentlich mein verdammter Whiskey? 

Zuerst erschienen in der BaZ vom 9. Juni 2016


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